Mongolei; 15.08. – 25.08.2018

15.08.2018, Tag 53, Sainshan, Mongolei; Tageskilometer: 610, Gesamt: 17.010
Ausreise

Wir durchqueren kleine Mittelgebirge, bei denen die Baumgrenze schon bei 1.500 Meter liegt. Im Winter ist hier definitiv Skifahren angesagt, denn alles ist entsprechend dafür ausgebaut. Irgendwann erreichen wir eine Autobahn, die ist ausgebaut wie in Deutschland. Daneben Photovoltaikfelder, die sind nicht mehr wie bei uns, denn so was Großes habe ich noch nie gesehen. Die 23 Felder auf dem Dach meines Hauses wären hier ein Sandkorn in der Wüste. Am Horizont stehen endlose Reihen Windräder. Hier wird nicht gekleckert, hier wird geklotzt.

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Im katholischen Teil Europas ist heute mit „Mariä Himmelfahrt“ ein Hochfest. Die Menschen hier in China interessiert das genau so, wie wenn in Deutschland ein Sack Kartoffeln umfällt.
Es sind unsere letzten Augenblicke im Reich der Mitte. Wir fahren durch die endlosen Weiten der Steppen. Gigantische Wolkenfelder, Jurten, Pferde, Wolken, Jurten, Pferde, die Straßen bis zum Horizont gerade aus. Zwischendurch verschiedenste Metall-Dinosaurier aller Arten. Alle maßstabgerecht und überlebensgroß. Bestimmt wurden hier Skelette gefunden. Wie auch immer, das China unserer Ausreise hat nichts mehr mit dem China unserer Einreise zu tun. Dennoch kann man die Umstände der Einreise nicht wegwischen. In der touristischen B-Note hat das Land im Laufe unseres Aufenthaltes gepunktet und sich verbessert. Bei der entscheidenden A-Note der Menschenrechte versagt das Land völlig.

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Mit vollem Gepäck stehen wir vorm Grenzübergang und wollen in die Mongolei. Ohne „China ID Card“ läßt man uns nicht ausreisen. Wir sollten über Moskau fliegen. Wie bitte? Zum Glück gab es dann doch noch einen Plan B. In 6 Kilometer Entfernung gab es einen richtigen Checkpoint, gemeinsam mit hunderten völlig zerbeulter UAZ Jeeps steuern wir diesen nun an. Die Jeeps klappern an allen Ecken und Enden, keine Tür hält mehr zu und das Verdeck hat lediglich Placebo Effekt. Garantiert haben die alle schon in der Armee der großen ruhmreichen Sowjetunion gedient. Ob welche 1945 in Berlin standen, vermag ich nicht zu sagen.

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Im Vergleich mit vergangenen Grenzübertritten war hier alles harmlos, wir schlüpfen durch. Wir hatten noch die Hoffnung, eine Geschenkpackung zu bekommen, in der uns die vor Tagen einkassierten Gegenstände aus Ürümqi überreicht werden. Das war leider nicht der Fall. Dafür hatten wir anderweitig Glück. Als wir kurz nach halb sieben den mongolischen Boden betreten erfahren wir, dass wir die letzten für heute sind. Der Grenzübergang schließt nämlich 18:30 Uhr. Ottna ist unsere mongolische Reiseleiterin und extra gekommen, um uns mit zwei Jeeps und Fahrern abzuholen. Das war auch gut so, denn alleine wären wir nur schwerlich weiter gekommen. Aber so erreichen wir gegen 21:00 Uhr Sainshan.

16.08.2018, Tag 54, Mandalgobi, Mongolei; Tageskilometer: 470, Gesamt: 17.480
Der Kämeler

Wer einen Blick auf den Globus wirft, stellt schnell fest, dass die Mongolei ein riesengroßes Land ist. Es ist etwa vier Mal so groß wie unser Deutschland. Allerdings leben in der Mongolei nur drei Millionen Menschen. Und drei Millionen wilde Gazellen. Und siebzig Millionen Haustiere. Dabei handelt es sich um Pferde, Kühe, Ziegen, Kamele, Yaks und Schafe. Die laufen frei in den unendlichen Steppenlandschaften herum.

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Durch diese rütteln und schütteln wir stundenlang auf unbefestigten Wegen. Und hier können wir die o.g. Zahlen nachempfinden. Wir sehen stundenlang keine einzige Menschenseele. Aber kleinere und größere Herden von allen möglichen Tieren. Nur äußerst selten werden sie bewacht. Die Schafe vom Schäfer. Die Ziegen vom Ziegner. Die Kamele vom Kämeler?

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In der Steppe wächst kein Baum und kein Strauch. Soweit man schauen kann nur Steppe und ein unendlich weiter Himmel. Im Winter fällt das Thermometer hier auf minus vierzig Grad. Im Sommer brennt die Sonne und es sind vierzig Grad plus. Momentan ist alles relativ grün und es gibt viele Wasserlöcher. Wir hören aber, dass das die Ausnahme ist. Es hat in den letzten Tagen viel geregnet und für mongolische Verhältnisse handelt es sich wohl um einen feuchten Sommer. Deshalb müssen wir auch Umwege fahren. Nicht weit von uns weg hat es den Damm der Transmongolia unterspült und ein Zug entgleiste. Zum Glück gab es keine Verletzten.

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17.08.2018, Tag 55, Dungenee, Mongolei; Tageskilometer: 392, Gesamt: 17.872
Unter Geiern

Auch heute haben wir nur kurzzeitig Asphalt unter den Reifen. Ansonsten sind alle Strecken „Gravel Roads“, völlig unbefestigte Wege. Wegweiser gibt es so gut wie überhaupt nicht. Irgendwann biegen die Fahrer einfach ab und letzlich finden sie den Weg. Wir können sehr froh sein, Ottna und ihre Fahrer zu haben allein waren wir hier gescheitert.

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So kam dann auch der Abzweig zur Geierschlucht. Und dann ausgespülte Wege, wo man auf den ersten Blick gar nicht glaubt, dass hier überhaupt Fahrzeuge durchkommen können. Ottna war vor drei Wochen mit einer anderen Reisegruppe hier, da war alles noch normal befahrbar. Dann kam mehrfach der Starkregen und machte aus den Wegen Bäche. Das Wasser ist wieder weg. Leider auch die Wege. Stellenweise in atemberaubender Schräglage fahren wir im Schritttempo in die Schlucht.

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Diese ist nach den Lämmergeiern benannt, die hier am Himmel kreisen. Die Schlucht liegt auf 2.282 Meter und ist wunderschön. Wenn sie nicht am A… der Welt wäre, hätte sie bestimmt schon als Filmkulisse in dem ein oder anderen Abenteuerfilm gedient. Am Anfang noch satte grüne Hügel und silberklare Bäche wird das Tal dann immer enger. Riesige Felsen gehen teilweise senkrecht in die Höhe. Wir müssen mehrfach den Bach queren, um vorwärts zu kommen. Irgendwann ist es so eng, dass es nicht mehr weiter geht. Die Schlucht ist nur noch vier Meter breit und besteht nur noch aus Bach. Hier dringt kaum ein Sonnenstrahl ein und bis Ende Juni ist auch alles vereist.

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18.08.2018, Tag 56, Khongor, Mongolei; Tageskilometer: 220, Gesamt: 18.061
Die Wüste lebt

Feldwege soweit das Auge schaut. Karge Landschaft mit Steppengras und außer den endlosen Herden scheint es kein Leben zu geben? Wirklich? Immer wieder sind wir bei unseren Pausen überrascht, was man bei genauerem Hinsehen so findet. Es wimmelt nämlich von diversen Käfern, rasend schnellen Eidechsen und kleinen Geckos. Auch Schlangen machen wir ausfindig, zum Glück schlafend und im Erdloch.

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Heute fahren wir ins Gobidiscovery Jurtencamp. Dieses liegt auf 1.410 Metern Höhe und ist sehr gut ausgebaut. Es gibt über dreißig Jurten und ein Hauptgebäude. In diesem läuft von 18:00 bis 23:00 Uhr ein Generator, in dieser Zeit gibt es Strom. Wasser wird mit riesigen Tanks hierher transportiert. Somit gibt es dann sanitäre Einrichtungen, wie man sie in der Wüste Gobi nicht erwartet. Waschbecken, Toiletten, selbst Duschen sind vorhanden. Das Wasser läuft spärlich, aber immerhin.

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Wir fahren zur Khongor, der Sanddüne. Diese ist ca. 180 Kilometer lang und bis zu 200 Meter hoch. Man nennt sie auch die singende Düne, weil hier der Wind unter bestimmten Wetterkonstellationen Melodien pfeift. Es ist keine Wanderdüne, sondern ein riesenriesengroßer Haufen Sand. Links und rechts von ihr ist Steppe und Berge und niemand kann erklären, wie die Düne hier entstand. Im Gänsemarsch wie beim Goldrausch in Alaska versuchen Touristen, die Düne zu erklimmen. Am Ende wühlen sie auf allen vieren nach oben. Nicht alles schaffen das, aber die, die oben ankommen werden mit einem herrlichen Sonnenuntergang belohnt. Heute ist kein Wind, man hört nichts von der Düne singen. Umso lauter hört man die Touristen, die jauchzen und johlend mit Plastikschlitten oder auch ohne bergab rutschen.

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19.08.2018, Tag 57, Khongor, Mongolei; Tageskilometer: 0, Gesamt: 18.061
Ausritt

Obwohl die mongolischen Kamele im Gegensatz zu ihren afrikanischen Verwandten relativ klein sind, ist es schon ein komisches Gefühl, wenn man aufsteigt. Die Tiere sitzen und stehen mit den Hinterbeinen zuerst. Dann drücken sie die Vorderbeine durch, kurzer Ruck, man ist oben. Zwischen den Höckern ist eine Art Sattel, eigentlich eher eine Decke und daran sind zwei Steigbügel. In denen kann man sich halbwegs abstützen.

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Es ist später Vormittag und schon ganz schön heiß. Im Laufen fauchen, niesen, pfeifen, pinkeln, pupsen und kacken die Kamele und es sieht sehr interessant aus, wie sie mit gespreizten Hufen in den Sand treten. Alle Tiere sind Männchen und obwohl sie bis zu 35 Jahre alt werden, bekommen sie keine Namen. Wir bekommen ein Gefühl davon, wie es sich tatsächlich anfühlt, als noch Karawanen das Transportmittel Nummer eins war.

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Unsere Reiseleiterin heißt nur mit Spitznamen Ottno, denn das ist die Kurzform von Odontuya, zu deutsch heißt das Sternenlicht. Sie erzählt viel vom Leben in der Mongolei. Auch ihre Eltern leben in einer Jurte vor den Toren Ulan Bators. Sie war schon in Deutschland und spricht sehr gut deutsch.  In Deutschland hat sie eine Frau getroffen, die war schon über dreißig und wollte keine Kinder, damit sie weiter Karriere machen kann. Sowas hat Ottno noch nie gehört und kann es nicht begreifen. In der Mongolei wäre das auch undenkbar, denn hier wollen alle zwei oder gerne auch drei Kinder. Die brauchen sie auch, denn es gibt ja nur drei Millionen Mongolen.

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Uns interessiert auch, wie es funktioniert, wenn die Nomaden durchs Land ziehen. Die können mit ihren Herden und Jurten überall ihr Lager aufschlagen. Das Land steht zur vollen Verfügung, wenn nicht gerade ein Touristencamp an dieser Stelle steht. Doch deren Anzahl ist absolut überschaubar. Ansonsten ist es so, dass jeder Einheimische das Recht auf ein Grundstück in der Größe von 700 m² hat, welches ihm, abgesehen von Spitzenlagen, einmalig kostenfrei zur Verfügung gestellt wird. Will man ein zweites, muß man bezahlen. Auf dem freien Land kosten die preiswertesten Grundstücke 2 Millionen Tugrig. Normale Stadtlage dann 5 Millionen. Der Kurs zum Euro beträgt ca. 1:2.800.

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20.08.2018, Tag 58, Secret of Ongi, Mongolei; Tageskilometer: 297, Gesamt: 18.358
Mit 100 km/h durchs Schnittlauchfeld

Nach Frühstück und Frühstart starten wir vom Jurtencamp in Khongor nach Bayanzog, dem Reich von Saxaul. Hier entdeckte in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts der Amerikaner Roy Chapman verschiedenste Dinosaurierknochen. Damit wurde die Wüste Gobi zu einem der größten Fundorte diverser Knochen. So wurden hier später auch erstmalig Dinosauriereier gefunden. Erst hier wurde klar, wie sich die Dinos vermehrten. Wir besichtigen die Rote Klippe. Mitten aus dem Nichts steht sie in der Wüste. Ein Grand Canyon aus rotem Sand. Die Saxaul-Bäume gibt es hier nicht mehr, der Mensch hat alles abgeholzt. Zehn Kilometer weiter finden wir noch welche, für hiesige Verhältnisse handelt es sich um einen Wald. Toller Hotspot im Niemandsland, auf der Anreise hörten wir passenderweise U2 mit „Street with no names“.

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In der Gobi steigt man an manche Stellen aus und die der Geruch von Schnittlauch liegt in der Luft. So ergeht es uns, nur das der Ausstieg nicht freiwillig war. Nachdem es Strecken gab, auf denen wir mit 100 km/h durchs Schnittlauchfeld rasten, fanden wir uns an einer Stelle wieder, wo vor 14 Tagen alles unter Wasser stand. Das Wasser war weg, aber Pfützen und Sumpf gab es noch. Da fuhren wir uns fest, trotz Allrad drehten alle Räder durch. Zum Glück hat unser Fahrer Toogii seinen Kumpel Oogii mit dem zweiten Auto. Der rangiert rückwärts ran und zieht uns mit einem Seil raus. Alleine wären wir verloren. Kurze Zeit später zwingt eingedrungener Sand erneut zum Zwischenstopp, denn ein Rad muß demontiert werden, um die Bremssattel und Backen zu bereinigen. Für Toogie kein Problem. Eine Weile später muß Oogii seine Servolenkung zusammenflicken, auch kein Problem. Einen ADAC braucht hier kein Mensch.

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Gegen Abend erreichen wir das Jurtencamp „Secret of Ongi“. Das liegt an einem Fluß, der in diesem Jahr bis zum 15. Juli keinen Tropfen Wasser führte. Durch die letzten Regenfälle ist er aber momentan prall gefüllt. Gleich daneben liegen die Ruinen eines buddhistischen Klosters. In den „schlechten Jahren“ zwischen 1927 und 1929 wurden 30.000 Mongolier der Intelligenz und deren Familienmitglieder durch den stalinistischen Terror abgeschlachtet. Über 700 Klöster wurden dem Erdboden gleichgemacht. So auch dieses hier. Damals lebten hier 1.000 Lamas. Die obersten 200 dieser Mönche wurden auf der Stelle erschossen, der Rest zur Armee zwangsrekrutiert. Heute gibt es wieder zwei Mönche, die um neun Uhr zum Gebet blasen und sich darum bemühen, das Kloster wieder zu beleben. Weitere vier befinden sich zur Ausbildung in Indien. Mittlerweile wurde einer der früher 28 Tempel aufgebaut und ein kleines Museum ist entstanden. Gelder vom Staat oder von übergeordneten Organisationen gibt es keine. Alles wird durch Spenden der einheimischen Bevölkerung finanziert. Ein kleines Paradies im Vergleich zu dem, was die Stalinisten hier veranstaltet haben.

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21.08.2018, Tag 59, Bat-ulzii, Mongolei; Tageskilometer: 297, Gesamt: 18.655
Gewitterregen

Auf endlosen Sandpisten holpern wir durch die Mongolei. Die verlassen die Gobi und mitten im menschenleeren Niemandsland kommt ein Kontrollpunkt. Ein Polizist mit einem schwarz-weißem Stab winkt und hält uns an. Neben ihm ein Alien im weißen Vollschutz mit Kanister auf dem Rücken und Sprayer in der Hand. Die Räder werden desinfiziert, man hofft, eine Rinderseuche an der Ausbreitung zu hindern.

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Im einzigen Ort den wir durchqueren machen wir kurze Rast, um letzte Besorgungen zu einzukaufen. Ausgerechnet in dem Moment geht ein Gewitterregen nieder, vor dem selbst die Einheimischen in Deckung gehen. Aus „Purple Rain“ machen wir „Mongolian Rain“. Beim Weiterfahren haben wir den Vorteil, dass die Staubwolken erst einmal entfallen. Stattdessen wühlen wir immer wieder im Schlamm. Zwischendurch erreichen wir Spurrinnen, die auf den ersten Blick nicht so aussehen, als könnte man weiterfahren. Alle müssen aussteigen und Zentimeter für Zentimeter tasten sich Toogii und Oogii durch eine Landschaft, die uns mittlerweile ans Auenland von „Herr der Ringe“ erinnert.

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Für die nächsten beiden Nächte sind wir in Jurten einheimischer Nomaden einquartiert. Eine Mutter mit 16jähriger Tochter und 13jährigem Sohn ist Gastgeber. Eigentlich hat sie vier Kinder, aber zwei sind in der Stadt und der Vater als Fahrer für Touristen unterwegs. Es gibt verschiedenste Dinge zu essen, die hauptsächlich aus der Milch ihrer Kuhherde gewonnen werden. Sie zeigen uns, wie sie es in der Jurte produzieren. Dieselbe Jurte, die auch Wohnzimmer, Schlafzimmer, Esszimmer und Kinderzimmer ist.

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Buyanbileg ist 16 Jahre alt und ihr Spitzname ist Buya. Sie ist in der elften Klasse und lernt seit sechs Jahren englisch. Sie erzählt mir, dass die Schulkinder landesweit drei Monate Ferien haben. Das ist für sie und ihre Familie die Zeit, wo sie in die Jurte zieht. Sie hilft ihrer Mutter und ist perfekt bei allen Arbeitsgängen. Die Hitze der beiden Herdplatten muß z.B. durch auflegen zusätzlichen Holzes gesteuert werden. Sie verwenden Äste aus dem nahegelegenen Wald, den ersten, den wir in der Mongolei gesichtet haben. Strom und Wasser gibt es hier nicht. Wenn sie die Schule beendet hat, möchte sie gerne Architektur studieren. Am liebsten in Paris. So richtig ausgegoren scheint mir die Idee noch nicht, aber ich möchte dem bildhübschen 16jährigem Mädchen in der mongolischen Jurte nicht die Träume verderben. So erzähle ich ihr zumindest als Alternative von der Bauhaus Uni in Weimar. Natürlich ist Weimar nicht Paris, aber so hat sie zumindest schon mal eine finanzielle Dimension gehört. Und ein paar Schritte, die in Deutschland notwendig wären, die Träume zu verwirklichen. Bat-ulzii, Weimar, Paris, die Welt ist klein geworden.

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22.08.2018, Tag 60, Bat-ulzii, Mongolei; Tageskilometer: 41, Gesamt: 18.696
Schlachtfest

Nach einem herrlichen Sonnenaufgang fahren wir durch das Orkhorn-Tal zum Wasserfall Orchonii Khürkhree, wo der Fluß Tsutgalaan ca. 16 Meter in die Tiefe stürzt. Die Übersetzung seines Namens bedeutet soviel wie „Rote Vereinigung“. Er hat einen tiefen Canyon in das teils schwarze, teils rötliche Gestein geschnitten und alles rundherum grünt und blüht. Bevor das Wasser endgültig den vom Fluß weiter gerissen wird, entsteht eine riesige Wolke allerfeinster Wassertröpfchen. Weil die Sonne günstig steht, bildet sich mitten im Canyon ein kleiner Regenbogen. Sehr schön.

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Zurück in der Jurte wurde zwischenzeitlich eine Ziege geschlachtet. Das haben wir leider verpasst. Zum Verkosten kommen wir aber genau richtig. Alles sieht sehr gewöhnungsbedürftig aus, denn in dem großen Topf wurden sämtliche Innereien verarbeitet. Es gibt Pansen, Lunge, Herz und im Gedärm wurde sogar Blut- Leberwurst zubereitet. Hätte Oogii nicht ständig mit seinem Messer an allem herumgeschnippelt und mich mit seinem herzlichen Lachen zum probieren animiert, hätte ich nichts gegessen. Das wäre schade gewesen, denn alles in allem war es dann doch lecker. Die Ziegenleberwurst wird lediglich mit Zwiebel und Salz zubereitet. Wenn man noch bißchen Majoran und andere Kräuter beigemischt hätte, wäre sie auf jedem thüringer Bauernmarkt durchgegangen.

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Bauernmarkt ist das Stichwort für den Nachmittag. Weil in einem viele Kilometer entfernten Ort eine Schule eröffnet wurde, findet im Orkhon-Tal ein Fest statt. Warum das an einem so abgelegenen Ort passiert, bleibt unklar. Vielleicht ist das aber ein zentraler Punkt für alle im 50 Kilometer Umkreis befindlichen Jurten. Wir rumpeln auf Feldwegen hin und sind begeistert.

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Die Autos werden in einem 200 Meter Umkreis aufgestellt, dazwischen Jurten, Zelte, Anhänger. In den Jurten werden Speisen zubereitet, es gibt auch viele Verkaufsstände unter freiem Himmel. Oder einfach aus dem Kofferraum heraus. Pferderennen wird als Brettspiel ausgetragen und die Umstehenden wetten auf den Ausgang. Weiter hinten bilden Jugendliche jeglicher Altersgruppen einen Kreis und spielen eine Mischung zwischen Völker- und Volleyball. Dazwischen stehen Yaks und Unmengen von Pferden. Kleine Jungs springen behende auf deren Rücken und jagen sich durch die Steppe. Einen Sattel hat kaum einer von ihnen. Am Himmel kreisen mindestens fünfzig Raubvögel. Sie holen sich die Essenrester und bevor in Kürze der kalte Winter einbricht, ist für sie heute Ostern und Weihnachten an einem Tag. Es ist ein herrliches Fest und ein Riesenspaß, den Mongolen zuzuschauen.

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Der Höhepunkt des Festes ist ein Yak Rennen. Alle Teilnehmer treten zunächst im Halbkreis an und werden dann in die Steppe geführt. Wahrscheinlich war der Start in drei Kilometer Entfernung und zwischendurch kreiseln Motorradfahrer, um Zwischenstände an den Zielort zu berichten. Dort stehen auch wir und irgendwann taucht der Landcruiser auf, der mit großer Flagge auf dem Pickup den Yaks vorausfährt. Jedes Yak sieht völlig anders aus, wahrscheinlich gibt es auch hier verschiedenste Rassen, von denen wir noch nie was gehört oder gesehen haben. Verschiedenste Größen, Farben und Hörnerformen, aber alle kommen mit letzter Kraft und schäumenden Mäulern über die Ziellinie. Dahinter gibt es eine Art Auslauf, wo den Gewinnern große Schärpen um den Hals gebunden werden und Medaillen zwischen die Hörner gehangen werden. Das interessiert die schäumenden Yaks wenig, noch dreißig Minuten nach dem Rennen pumpt ein jedes von ihnen mit weit heraushängender Zunge wie ein Blasebalg.

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In der wolkenlosen Nacht steht über uns das letzte Mal ein grandioser Sternenhimmel. In der Dunkelheit der mongolischen Steppe in das riesige Himmelszelt zu schauen ist unfassbar. Als astronomische Null erkenne ich lediglich den großen Wagen. Der steht in Europa im Zenit, hier kurz überm Horizont. Aber irgendwie entsteht der Eindruck, das Firnament ist hier zehnmal größer als zu Hause. Einfach wunderschön.

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23.08.2018, Tag 61, Ulan Bator, Mongolei; Tageskilometer: 526, Gesamt: 19.222
Kulturschock

Heute endet unsere Mongolien Rundfahrt und wir müssen in die Hauptstadt Ulan Bator, wo wir um 19:00 Uhr zum Abendessen verabredet sind. Es ist ein weiter Weg, wir starten acht Uhr und wieder werden wir mächtig durchgeschüttelt. Die Durchschnittsgeschwindigkeit beträgt 30 km/h, doch gegen Mittag erreichen wir eine asphaltierte Straße. Großer Jubel in unserem Auto.

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Mit deutschen Straßen ist diese trotzdem nicht vergleichbar. Es gibt Schlaglöcher ohne Ende. Manche würden zum Totalschaden führen, wenn man da hinein gerät. Doch je mehr man sich der Hauptstadt nährt, desto besser wird die Straße. Und auch voller. Im Stadtzentrum ist es dann genau so, wie auf den zerfurchten Feldwegen der Countryside. Vorwärtskommen im Schritttempo.

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In Ulan Bator werden wir in ein schickes Restaurant geführt. Auf den Tischen sind drehbare Glasplatten und jeder hat ein kleines Cerankochfeld vor sich. Man bestellt eine Art „Grundbrühe“: Tomate oder scharf oder klar. Diese köchelt vor sich hin und dann nimmt man sich aus der Mitte jene Zutaten, von denen man meint, das passt zusammen. Rind oder Huhn oder Tofu, Spaghetti in verschiedensten Farben oder Glasnudeln, Reis, Gemüse aller Art und Unmengen von Kräutern und Gewürzen. Im wahrsten Sinne des Wortes kocht jeder sein eigenes Süppchen. Wenn man aber wie wir gerade aus der Jurte kommt, ist dieses Restaurant ein Kulturschock.

24.08.2018, Tag 62, Ulan Bator, Mongolei; Tageskilometer: 0, Gesamt: 19.222
Putz- und Flickstunde

Spät am Abend hatten wir im Hostel eingecheckt. Alles ist modern und teilweise mit IKEA’s Hilfe eingerichtet. Vierzimmer, immer je zwei Doppelstockbetten. Mitten in der Nacht werde ich munter und wunder mich in der Dunkelheit, warum der Zug hier hält. Auf der Suche nach einer Toilette trete ich auf den Gang und merke erst dann, wo wir sind. Was ist denn das für ein Krankheitsbild?

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Im Hostel haben wir den Altersdurchschnitt steil nach oben geschossen. Wir nutzen die vorhandene Infrastruktur und legen einen Waschtag mit Putz- und Flickstunde ein. Dann diffundieren wir durch die mongolische Hauptstadt und testen diverse Rooftops. Doch bei dem darunter fließenden, bzw. stehenden Verkehr ist das so, als ob wir auf der Feinstaub-Meßstation sitzen. Einen grünen Umweltengel können wir hier nicht vergeben.

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Vor dreißig Jahren soll Ulan Bator noch eine große Jurten Ansammlung gewesen sein. Mittlerweile wurde fleißig gebaut und das Stadtbild hat sich komplett gewandelt. Hochhäuser sind entstanden und viele noch im Bau und von weitem sehen wir auch das überall beliebte Riesenrad. Es gibt viele Shopping-Malls, Coffee-Shops ohne Ende und auch die internationalen und meist US-amerikanischen Fast Food Ketten sind komplett vertreten. In den Supermärkten sieht man sehr viele deutsche und südkoreanische Produkte. In der Mongolei wird nur wenig produziert, deshalb muss ein Großteil des Angebotes importiert werden. Warum sollte auch die Globalisierung ausgerechnet hier halt machen?

25.08.2018, Tag 63, Borderline, Mongolei-Russland; Tageskilometer: 777, Gesamt: 19.999
Transmongolia

Es regnet in Ulan Bator und es hat sich in kurzer Zeit merklich abgekühlt. Irgendwie hat man das Gefühl vom nahenden Herbst. Nach den vielen hinter uns liegenden heißen Tagen stört uns das erst mal nicht, da haben wir lange Hosen und Jacken erst mal nicht umsonst durch die Gegend geschleppt.

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Das Bahnhofsgebäude ist sehr groß, sehr gepflegt und super sauber. Und das Beste, es kann ohne Kontrolle betreten werden. Nach den hinter uns liegenden Etappen der Nachbarländer ist das ja keine Selbstverständlichkeit mehr. Lediglich beim Einstieg in den Zug werden Tickets und Paß kontrolliert. Das wäre in Deutschland bestimmt auch so.

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Mir gegenüber sitzt „Na Young“. Sie ist Anfang Vierzig und kommt aus Südkorea. Witzigerweise hat sie den gleichen Osprey-Rucksack wie ich und so kommen wir ins Gespräch. Auch sie kann nicht so gut englisch und so unterhalten wir uns mit Händen und Füßen und Stift und Zettel. Sie ist Designerin für Brautmoden und hat ihren Job an den Nagel gehangen. Der Durchschnitts-Südkoreaner hat nur fünf oder sechs Tage Urlaub. „Na Young“ aber geht nun auf siebenmonatige Weltreise. Wie wir will sie nach Irkutsk und von dort fliegt sie nach Johannesburg, geht auf Trecking Tour durch Namibia, will die Victoria Falls in Sambia besuchen. Über Madagaskar geht’s nach Europa, zurück in die Türkei, Weihnachten in Frankreich, dann Winter in New York, Seattle und Calgary. Was für ein Wahnsinns-Programm für eine allein reisende Frau.

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Gegen Mitternacht erreichen wir die mongolische Grenze. Harmlose Ausreisekontrolle, Dauer achtzig Minuten. Der Zug fährt zwanzig Minuten weiter, dann kommt die russische Einreisekontrolle. Auch die ist harmlos, aber dauert eben dann hundertzehn Minuten. Irgendwann setzt sich die transmongolische Eisenbahn wieder in Bewegung. Übernächtigt fallen wir in die schmalen Betten. Wir haben das letzte Land unserer Reise erreicht.

Man reist ja nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen.
J.W.Goethe

2 Kommentare

  1. Hallo!

    Ein wirklich toller Blog mit super Reiseberichten. Wirklich schade, dass die Reise bald zu Ende geht und ich mir etwas anderes zum Lesen bei meinem morgendlichen Kaffee suchen muss 😉 Es hat Spaß gemacht, die Reise virtuell begleiten zu können und es ist total spannend, wie anders manche Länder sind als ich es mir vorgestellt habe. Ich wünsche allen eine gute Heimkehr und noch viele schöne Momente in den letzten Tagen.

    Liebe Grüße aus dem PW 😉

    Antworten
  2. Ilona Loth

    Hallo Ihr tollen Abenteurer. Ich bewundere Euch und Euren Mut. Gerne wäre ich auch dabei gewesen. Ich hoffe sehr, Euch einmal kennenzulernen

    Eine gute Heimkehr

    Ganz liebe Grüße an Ines von Ilona

    Antworten

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