China; 07.08.  -14.08.2018

07.08.2018, Tag 45, Irgendwo in China; Tageskilometer: 749, Gesamt: 13.084
Jugendherbergsbus

Pünktlich mit allerhöchster Disziplin stehen wir sechs Uhr mit Sack und Pack vor unserem Appartement in Almaty und starten 7:30 Uhr am Busbahnhof in Richtung China. Wir fahren in einem Jugendherbergsbus. Der hat gar keine Sitzplätze, dafür aber 14 Doppelstockbetten auf jeder Seite. Man kann also nur liegen. Und da die Chinesen recht kleine Menschen sind, auch nicht gerade bequem. Aber es soll ja nur für zwölf Stunden sein.

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Irgendwann erreichen wir die kasachische Grenze und müssen den Bus samt Gepäck verlassen. Mitten im Niemandsland, gleich dahinter ragen aber schon chinesische Neubauten inklusive Riesenrad in den Himmel. Zunächst geben die Kasachen alles. Insgesamt sechs Mal muss man Passkontrollen über sich ergehen lassen, bevor man ausreisen darf und das Niemandsland erreicht. Der Bus sammelt uns dann wieder auf und fährt zur chinesischen Station. Die toppt alles bisher dagewesene. Man schreit uns in radebrechenden Englisch an und lässt uns im Gänsemarsch Aufstellung nehmen und in der Sonne im Hof stehen. Dann erfolgen auch hier endlose Kontrollen, Fingerabdruckscanner, Fotoaufnahmen, Ausfüllen ominöser Formulare, das volle Programm eben. Mehrfaches Strammstehen im Ganzkörperscanner mit gleichzeitigem Festhalten des Gepäcks geht rein physikalisch nicht. Da kann der Beamte schreien, wie er will. Nachdem unsere blaue Essenskiste dabei vom Scanner fällt und klirrend ihren Inhalt überm chinesischen Fußboden verteilt, sieht es auch der Beamte ein. Irgendwann erreichen wir den Ausgang. Von dort geht es ca. zwei Kilometer durch die Hitze zum Busbahnhof, wo unser Bus zwischenzeitlich abgestellt wurde. Wie betritt man den Hof des Busbahnhofes? Mit einer Paßkontrolle! Wie betritt man den Busbahnhof? Mit einer Paß- und Gepäckkontrolle! Es ist einfach unbegreiflich!

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Wir fahren weiter durchs Land und stellen fest, dass mit unfassbaren Aufwand Tunnel, Brücken und Autobahnen durch die Landschaft gezimmert wurden. Und regelmäßig wird der gesamt Bus geweckt und muss zur Passkontrolle antreten Das passiert aller zwei Stunden und so haben wir eine unruhige Nacht. Die ursprünglich angegebene Fahrzeit kann nicht gehalten werden. Zumal vorher keiner wusste, dass der Busfahrer dreistündige Schlafenszeiten einlegt.

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08.08.2018, Tag 46, Ürümqi, China; Tageskilometer: 271, Gesamt: 13.355
Der Überwachungsstaat

Von wegen 12 Stunden. Nach 27stündiger Busfahrt erreichen wir völlig gerädert Ürümqi. Mit über 2000 Kilometer Entfernung ist es die am weitesten vom Meer entfernte Großstadt der Welt. Doch wir haben andere Sorgen. Die Stadt wimmelt von Überwachungskameras und von Uniformen. Jede Kreuzung ist mit bewaffneten Dreiergruppen gesichert. Jede Bushaltestelle hat mindestens einen Uniformierten zur Bewachung stehen. Immer mit Helm, Schild, schusssicherer Weste und ca. 1,5 Meter langem Holzknüppel und ominösen silbernen Riesengabeln. Später erfahren wir, dass eventuelle Störenfriede damit am Hals fixiert werden. Zwischendurch kommen ständig zivil aussehende Leute mit irgendwelchen Armbinden. Und aller zwei Kilometer bestens ausgebaute Polizeistationen. Jede Tankstelle, jede Betriebseinfahrt ist mit Panzersperren gesichert. Hier auch immer scharf bewaffnete Beamte. Mit fünf Fahrzeugen im Konvoi patrouilliert die Polizei durch die Straßen. Vier blaulichternde PKW, dazwischen ein kleiner Schützenpanzerwagen. Plötzlich legt ein Konvoi vor uns eine Vollbremsung hin, Sekunden später stehen ca. zwanzig bewaffnete Soldaten drohend vor uns. Warum? Wegen einem Foto. Das muss gelöscht werden, der Pass wird gescannt, von einer Verhaftung wird abgesehen.

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Wir haben Schwein gehabt, doch wie geht es der Bevölkerung? Es ist absolut widerwärtig. Ich habe wirklich schon viel gesehen, aber das hier geht gar nicht. Ein Staat zittert vor seinem Volk und rüstet in völlig überdimensioniertem Ausmaß gegen dieses auf. Die genauen Zusammenhänge erschließen sich uns nicht. Die ursprünglichen Einwohner sind wohl muslimische Uiguren, ihre derzeitigen Besatzer sind Han Chinesen. Viel Verständnis füreinander haben sie offensichtlich nicht. Regelmäßig kommt es zu Unruhen und Aufständen. In Ürümqi müssen wir vorsichtig sein.

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Wir machen noch einen Ausflug zum großen Basar, welcher uns sehr an den in Istanbul erinnert. Außer uns gibt es in Ürümqi offensichtlich keine Ausländer. Kurz vorm Sonnenuntergang besuchen wir einen neu erbauten Park, in dem in den letzten Jahren viele neue buddistische Tempel errichtet wurden. Unter anderem wurde hier 2009 auch eine der größten Buddha Statuen Asiens errichtet. Mit knapp 41 Metern Höhe natürlich riesengroß, 100 Tonnen Kupfer, darüber dann 12 Kilogramm Blattgold, Geld spielte scheinbar keine Rolle. Warum man das der muslimischen Bevölkerung vorsetzt, bleibt mir ein Rätsel. Aber vielleicht könnte dessen Lösung auch zum Ende der Unruhen beitragen?

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09.08.2018, Tag 47, irgendwo in China; Tageskilometer: 1.203, Gesamt: 14.558
Letzter Platz

Das chinesische Hotelfrühstück ist interessant. Wenn man Glück hat, erwischt man ein gekochtes Hühnerei. Das ist dann auch schon das einzige identifizierbare Essen. Den Rest kann man nur erahnen. Viel gekochtes bzw. gebratenes Gemüse, durchaus auch mal Kraut und Seetang, Tofu und verschiedenste Gebäcke. Wenn man vermeint, was Süßes zu nehmen ist es herzhaft und auch umgekehrt. Tee oder ganz und gar Kaffee zu bekommen klappt selten bis gar nicht.

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Die Verbindung mit der Außenwelt ist äußert schwierig. Wenn man überhaupt ein WiFi findet und das Passwort bekommt, hat das noch nicht viel zu bedeuten. Man ist im chinesischen Internet und das wird zensiert. Social Media Apps gehen gar nicht. Kein Facebook, kein Twitter, kein WhatsApp, kein Flickr, wir können auch keine Bilder hochladen. Viele Internetseiten sind gesperrt. Mit Google kann man nichts suchen, mit Yahoo aber schon. Merkwürdig.

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Wir lassen uns zum Bahnhof chauffieren, in weiser Voraussicht mit großem Zeitpuffer. Der ist allerdings ganz schnell aufgebraucht. Die erste Kontrolle erfolgt schon auf der Zufahrtsstraße, die zweite dann am Eingang. Dort wird gescannt und kontrolliert, wie am Flughafen. Nur schlimmer. Diverse Gegenstände, die wir bisher noch durch alle Kontrollen bekommen haben, werden einkassiert. Am Ende des Tages steht ein Verlust von diversen Messern, Rasierschaum, Deospray und Olivenöl auf dem Zettel. Alles zusammen knapp 200,- Euro. Auf der Liste unserer beliebtesten Reiseländer rutscht China in diesem Moment auf den letzten Platz. Also hinter dem Sudan.

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Knapp, aber pünktlich erreichen wir den Zug. Sitzplätze gibt es nicht, aber Dreier-Stockbetten. Somit immer sechs Personen pro Abteil. Wir sind überall verteilt und die Chinesen amüsieren sich über uns. Besonders spitze Nasen der Frauen und Bärte der Männer sind beliebte Fotomotive.

10.08.2018, Tag 48, Zangye, China; Tageskilometer: 114, Gesamt: 14.672
Rote Wolken

Der Zug spuckt uns am frühen Vormittag in Zhangye aus. Viel Schlaf haben wir nicht abbekommen, das Geschnarche in den Abteils war grausam und wir glaubten an chinesische Foltermethoden. Doch als wir dann mit gezückten Pässen in der Hand den Bahnhof verließen, war keiner da, der sie kontrollieren wollte. Völlig verdutzt besahen wir uns die Stadt näher und hier war kaum eine Uniform im Stadtbild zu finden. Wir sind offensichtlich in einem anderen China, als jenes der letzten Tage. Eine sehr erfreuliche Erkenntnis.

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Wir fahren in den Nationalpark „Beautiful Colors of Danxia“. Das ist eine außergewöhnliche Felslandschaft, die wegen ihrem außergewöhnlichen Farbenreichtum überregional bekannt geworden ist. Das chinesische Wort „Danxia“ heißt soviel wir „Rote Wolke“. Vor 24 Millionen Jahren wurde der Himalaya aufgefaltet und zeitgleich entstanden die hiesigen Felsformationen. Hauptsächlich aus Sandstein, aber eben auch viele andere Einschlüsse. Durch Wind und Wetter und Erosion entstand so eine formen- und farbenreiche Landschaft, an der man sich kaum sattsehen kann.

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Alles ist perfekt ausgebaut und hat schon fast was von Disneyland. Es kreiseln ständig Busse, so dass man ähnlich wie beim „Hop on, Hop off“ aussteigen und wandern kann, wo man möchte, um später weiter zu fahren. Alle Geländer, Lautsprecher, Papierkörbe und Gebäude sind farblich der Natur angepasst. Nirgendwo ein Krümel Müll, alles ist sauber und gepflegt. Ein Gewitter zieht auf rechtzeitig vorm großen Regen verlassen wir den Park. Wir beginnen, uns im Reich der Mitte wohl zu fühlen.

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11.08.2018, Tag 49, irgendwo in China; Tageskilometer: 937, Gesamt 15.609
There are nine million bicycles in Beijing?

Wir lernen jeden Tag neue Dinge hinzu und bauen Vorurteile ab. So haben wir bisher keinerlei Gericht mit Reis essen können. In den Regionen, in denen wir in China unterwegs waren, gab es keinen.
Die von mir sehr geschätzte Georgierin Katie Melua singt in einem ihrer Songs „There are nine million bicycles in Beijing. That’s a fact…“ In Peking waren wir noch nicht, aber die Fahrräder die ich seit unserer Ankunft in China gesehen habe, kann ich an zwei Händen abzählen.

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Die Verständigung ist äußerst kompliziert. Ganz selten trifft man einen Einheimischen, der Englisch kann. Viele sind aber fit mit ihrem Smartphone. Man diktiert ihnen einen englischen Satz und sie können ihn anschließend mit ihren chinesischen Zeichen lesen. Andererseits malen sie ihre Buchstaben auf das Display und die Software bastelt daraus was englisches. Schöne neue Welt.

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Wir starten in Zhangye und fahren über Nacht mit dem Zug über Langzhon nach Xi’an. Diesmal keine Liegewagen, sondern normale enge Sitzplätze. Da kenne ich bessere Möglichkeiten, die Nacht zu verbringen. Wir kürzen ab und spielen mal wieder ein Doppelkopf Tournier. Der halbe Wagon Chinesen schaut zu und versteht garantiert (der Situation entsprechend) nur Bahnhof. Dummerweise gewinnt der Zwerg haushoch und wird dadurch China-Meister. Auch da kenne ich bessere Möglichkeiten. Aber was soll´s. Mal verliert man und mal gewinnen die anderen. Auch wenn in der Runde wieder heiß diskutiert und gestritten wurde, Freunde bleiben wir trotzdem.

12.08.2018, Tag 50, Xi‘an; Tageskilometer: 12, Gesamt 15.621
Am Beginn der Seidenstrasse

Kurz vor Neun erreichen wir Xi’an. Vor langer Zeit war der Ort der Beginn der Seidenstraße. Heute handelt es sich mit 4 Millionen Einwohnern für chinesische Verhältnisse eher um eine Kleinstadt. Wieder sind wir die einzigen Ausländer. Wer fährt denn auch schon in China mit dem Zug? Wie bescheuert muss man sein? Innerhalb riesiger Menschenmassen stehen wir bei tropischen Temperaturen verloren auf dem Bahnhofsvorplatz. Keiner versteht ein Wort, wir können kaum was lesen, die sanitären Bedingungen sind eine Katastrophe. Aber es ist wie immer. Irgendwie fügt es sich dann. Einer entdeckt McDoof mit sauberen Toiletten, der andere organisiert Kaffee von Kentucky schreit ficken, es findet sich ein hilfsbereiter Guide und eine englischsprachig besetzte Touristeninfo. Wir spannen sinnlos rumstehenden Sonnenschirme auf und schon fühlen sich auch die wartenden Chinesen wohl. Kurz darauf halten wir neun der letzten dreizehn Tickets für den Zug übermorgen Richtung mongolische Grenze in der Hand. Weiterfahrt ist gesichert, Hotel wird klar gemacht, Ausruhen ist angesagt und alles ist schön.

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Ich ziehe um die Häuser und lande in einem „Elektronikfachhandel“. Zunächst denke ich an unsere herkömmlichen Media Märkte und Saturns, die letztlich doch alle zu einem Konzern gehören. Hier ist das anders. Im Erdgeschoss befinden sich Flagshipstores aller, wirklich aller, großen IT-Marken der Welt. Samsung, Lenovo, HP, Dell, Canon, Acer, usw., alle sind sie da. Dazu etliche Marken, von denen wir in Europa noch keinen Ton gehört haben. Die machen auch keinen schlechten Eindruck und stehen selbstbewusst daneben. Andere Mütter haben eben auch hübsche Töchter. Hier im wahrsten Sinne des Wortes. Nämlich genau die Töchter stehen in entsprechendem Corporate Design bekleidet bereit und locken Kunden in die Verkaufsfläche. Etage darüber hunderte kleine, manchmal nur wohnzimmergroße Läden, Smartphones mit Zubehör. Darüber Sicherheitstechnik, 19“ Schränke, Speichermedien. Darüber die nächste mit Druckern, die nächste, dann die nächste. Sechs Etagen, immer so weit das Auge schauen kann. Es ist unglaublich, es gibt gar nichts, was es nicht gibt. In Deutschland kaufen wir für unser Unternehmen im Laufe eines Jahres mit sechsstelligen Beträgen Hardware aus den unterschiedlichsten Bereichen. Unter diesem Dach ist mir kein einziges Produkt aus unserem Bedarf aufgefallen, was es hier nicht gäbe. Ich ziehe eine Haustür weiter und falle vom Glauben ab. Das gleiche in grün. Nächster Block, die gleiche Nummer. Nach dem fünften „Elektronikfachhandel“ Gebäude kann ich nicht mehr. Ich wechsel die Straßenseite und gehe in einen Laden mit chinesischen Vasen. Die haben keinen Stromanschluss und keine USB Schnittstelle. Eigentlich sind sie auch viel zu groß, um irgendeine, mir bekannte, Blume aufzunehmen. Mitnehmen kann ich sie sowieso nicht, denn sie sind größer als mein Rucksack. Irgendwie komme ich langsam wieder runter, denn die Kassensysteme, Server, 19“ Schränke und, und, und hätten ja auch keinen Platz im Rucksack gefunden.

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Xi’an besitzt eine nahezu vollständig erhaltene Stadtmauer und innerhalb derer ziehen wir durch die Altstadt. Wunderbares Feeling, keiner drängt sich auf, es hat fast schon was von einem Künstlerviertel. Laden an Laden, einer ausgefallener als der andere. Falls jemand mal einen ganz außergewöhnlichen Pinsel sucht, hier findet man ihn. Jade Stein gesucht, hier findet man ihn! Dazwischen Mao auf Tassen, Tellern, Teppichen und Gemälden. Er ist sowieso allgegenwärtig, weil er auf jedem chinesischen Geldschein (1 Yuan, 5, 10, 20, usw.) abgebildet ist. Warum dem größten Massenmörder der Geschichte hier derartig gehuldigt wird, weiß ich auch nicht. Ich empfinde das als absolut unpassend. Die Opfer, bzw. deren Nachkommen werden dadurch mit jeder noch so kleinen Bargeldzahlung verhöhnt. Hatten denn die Deutschen auf jedem der D-Mark Scheine ein Porträt vom Adolf? Und was um Gottes Willen wäre denn passiert, wenn es so gewesen wäre?

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13.08.2018, Tag 51, Xi‘an; Tageskilometer: 105, Gesamt 15.706
Mauern

China ist bekannt für seine große Mauer. The Great Wall of China, was für ein Klang. Wie sensationell ist das denn? Kleine Lehmruinen davon konnten wir neben der Bahnlinie erkennen, die letzten Reste sind auch hier erkennbar. Doch am heutigen Tag denken wir an eine andere Mauer. The Berlin Wall. Ich bin immer noch der Ansicht, dass solche Reisen wie die unsrige damit zusammen hängen, dass wir früher eben nur den engen Korridor des Ostblocks bereisen durften. Und eigentlich ganz woanders hin wollten. Man hatte uns eingesperrt. Zum Glück ist dieses Experiment gescheitert. Leider haben das heutzutage schon wieder viele vergessen. In mehreren Teilen der Welt beginnt das Experiment nämlich gerade in diesen Tagen von vorn. Das Scheitern ist vorprogrammiert.

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Wieder stehen wir Auge in Auge mit chinesischen Soldaten. Diesmal sind es mehr als vor ein paar Tagen in Ürümqi. Wahrscheinlich stehen hier um die 8.000 Infantristen, Armbrust- und Bogenschützen, Offizieren, Generäle. Dazu über 100 Pferdewagen, oftmals auch als Vierspänner. Zum Glück sind alle aus Ton, denn wir sind beim achten Weltwunder, der Terrakotta-Armee. Etwa 221 v.Chr. hat der dreizehnjährige Kaiser Qín Shǐhuángdì die Herstellung der Armee angeordnet. Dieses Heer sollte ihn nach seinem Tod beschützen. Über 35 Jahre haben 700.000 Arbeiter gewerkelt. Umliegende Regionen brachen zusammen, es waren keine Männer mehr da, die in der Landwirtschaft arbeiten konnten. An der Armee haben mehr Menschen gebaut, als an der großen chinesischen Mauer.

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Ein chinesischer Farmer ist 1974 beim Brunnenbau auf erste Fundstücke gestoßen. Daraufhin wurde bis heute ein riesiger Komplex erbaut, um die Ausstellung zu präsentieren. Jährlich besuchen 10 Millionen Menschen das Gelände. Wir haben das Pech einem Tag da zu sein, an dem 9,9 Millionen Chinesen dieselbe Idee haben 😉 Der Farmer ist alt geworden, sitzt mittendrin und signiert Bücher. 1998 hat er hier Bill und Hillary Clinton die Hände geschüttelt. Heute sind wir dran. Auch wir kaufen ein signiertes Buch, als Echtheitszertifikat stempelt er es auch noch ab.

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Die Ausstellung selber ist äußerst interessant aufgebaut. Man sieht Teile im Originalzustand, halb freigelegte Stellen und auch komplett restaurierte Ensembles. Alles ist überdacht und somit vor der Witterung geschützt. Es dauert fünf Jahre Puzzle-Arbeit, um eine Figur zu rekonstruieren. Wenn sie dann fertig sind, werden sie in der Armee aufgestellt. Gerade diese Figuren haben was sehr mystisches. Alle Personen sind lebensgroß, alle haben andere Gesichter, keiner gleicht dem anderen. Wenn man sie fotografiert springt die Gesichtserkennung des Fotoapparates an. Irgendwie gruselig, oder?

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14.08.2018, Tag 52, Xi’an, China; Tageskilometer: 694, Gesamt 16.400
Zugentzug

Nach zwei Nächten am gleichen Ort sind wir auf Zugentzug. Zum Glück haben wir unsere Tickets und somit Zeit zum Schlendern. Die Mädels schauen in die Schaufenster und ich nach oben. Wahrscheinlich gab es hier den Befehl, schnelles Internet aufzubauen. Die Arbeiter haben verstanden schnell das Internet auszubauen und haben offensichtlich in Windeseile alles verdrahtet. Das erste Kabel wurde an einer Schraube und einem Ästchen befestigt. Das zweite Kabel am ersten. Beim Tausendsten hatte schon keiner mehr einen Plan, wie die Konstruktion überhaupt hält, aber irgendwie schwebt alles zwischen den Bäumen und fällt zumindest in dem Moment, wo wir drunter stehen nicht herunter. Vielleicht sollten wir die Chinesen den BER fertig bauen lassen, dann könnten wir übernächste Woche eröffnen.

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15:42 Uhr soll der Zug fahren und wir sind pünktlich am Start. Hier lässt man erst alle Leute aus dem Zug steigen. Die neuen Fahrgäste warten in einer Halle deren Lautstärkepegel dem eines mittleren Rockkonzertes entspricht. Dann öffnet sich das Gitter und wie beim irischen Pferderennen stürzt die Meute los. Wir werden einfach mitgespült. Das die Chinesen miteinander nicht gerade höflich und zuvorkommend umgehen, ist uns schon vorher aufgefallen. Es wird immer gedrängelt und geschubst und geschrien, wahrscheinlich wird man hier seit Kindesbeinen damit groß. Um so verwunderter war ich in einem Nahverkehrsbus, wo mir zwei Mal ein Sitzplatz angeboten wurde. Was für ein erschreckendes Bild die Einheimischen wohl haben werden?

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Wir sind im Zug verteilt, alle in anderen Abteilen. Wie üblich ist keine englische Verständigung möglich. Oder doch? Neben mir schaut mich verstohlen ein etwa 10jähriges Mädchen an. Sie schreibt „My name is Bi ti tong“. Dann schreibt sie „My name is Don Don“ und macht einen Pfeil zu ihrem kleinen vierjährigen Bruder. Den beiden lerne ich, wie wir in Deutschland Papierflieger falten und male schlitzäugige Piloten an die Seite. Die beiden lachen und fliegen mit deutschen Flugzeugen durch den chinesischen Zug.

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