Turkmenistan; 23.-24.07.2018

23.07.2018, Tag 30, Ashgabat, Turkmenistan;
Die weiße Stadt

Im kalten Krieg gab es Zeiten da war die Sowjetunion von der USA so weit entfernt, wie die Erde von der Sonne. Da war es möglich, dass der Russe Alexander Wolkow das in Amerika sehr populäre Buch „Zauberer von Oz“ einfach abschreiben konnte, um das Plagiat im Sowjetreich als „Der Zauberer der Smaragdenstadt“ zu veröffentlichen. Irgendwie fand das Buch den Weg in mein Kinderzimmer, wo ich es als kleiner Junge begeistert verschlang. Die Smaragdenstadt als bezaubernde Fiktion einer komplett in grün erbauten Stadt ist mir bis heute in Erinnerung geblieben.

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Heute erleben wir eine reale Stadt in weiß. Das Turkmenistans Hauptstadt Ashgabat komplett aus italienischem Mamor erbaut ist, ist ein Gerücht. Aber komplett weiß ist sie trotzdem. Nach Totalschaden durch Erdbeben im Jahre 1948 und anschließender Wiederbelebung war nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wohl nicht allzuviel erhaltenswertes übrig. Nach Gorbatschows Perestroika hat der neu nach oben gespülte Machthaber Türkmenbaşy alles neu erbauen lassen. Die Sauberkeit blendet und mitten in der Wüste ist alles grün und super gepflegt. Und die Bauten übertreffen sich in ihrer Gigantomanie, alles ist riesengroß. So auch der äußerst wichtige Fahnenmast, der mit 133 Metern Höhe kurzzeitig der Höchste der Welt war. Der Gipfel der Perversion ist ein komplett klimatisiertes Riesenrad. Was fehlt sind sich freuende Kinder. Oder auch Erwachsene. Niemand fährt mit dem Riesenrad. Auch sonst sieht man keine Menschen. Die einzigen, die wir sehen, pflegen die Grünanlagen. Sie sind vermummt, was wohl an den 45 ° Celsius Außentemperatur liegen wird. Sie mähen Rasen, schneiden Büsche, zupfen Unkraut. Für wen?

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Präsident Turkmenbashi hat Universitäten geschlossen, die Künste verboten und keine öffentlichen Sportveranstaltungen mehr zugelassen. Er hat eine ganze Generation seiner Turkmenen im Drogenrausch versinken lassen. Im Gegenzug hat er die weiße Stadt Ashgabat erbaut. Und er hat die Wochentage entsprechend der Namen seiner Verwandten umbenannt. Außerdem hat er ein Buch geschrieben in dem er seine Weltanschauung darlegt. Das Buch mußte jedes Kind haben, es mußte jedem Haushalt vorkommen. Und bei jeder Prüfung der Schüler in der Schule war es ein fester Bestandteil, dass ein beliebiger Teil des Buches verlesen wurde. Der Schüler mußte dann wissen, aus welchem Kapitel und von welcher Seite das Zitat stammte. Das galt übrigends auch für die Fahrschüler. Erst wenn das richtig beantwortet war, begann der eigentliche Teil der Prüfung. Wie schön ist doch dagegen die gefälschte Smaragdenstadt, die ich als Kind so gern und freiwillig gelesen habe.

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Türkmenbaşy ist mittlerweile gestorben, man hat ihm ein riesiges Mausoleum errichtet, welches an eine Moschee erinnert. Sein im demokratischen Wahlverfahren zu 100% gewählter, als einzig zur Verfügung stehender Nachfolger hat die weiße Stadt vollendet. Immerhin hat er wieder Universitäten zugelassen. Und Unmengen von Entzugskliniken bauen lassen. Drogendealer wurden eingesperrt, viele sitzen bis heute. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger ist er ist dem Sport sehr zugetan. Deshalb stehen in der Stadt Unmengen von Stadien, Eishallen, Pferderennbahnen und Hotels. Aber auch hier sehen wir keine Menschen. Autos sehen wir auch sehr selten. Und wenn dann sind sie silbern oder weiß. Andere Farben sind verboten, sie passen nicht zur weißen Stadt. Die Polizei ist allgegenwärtig und sorgt für Ordnung und Sauberkeit. Wird man nämlich mit einem ungeputzten Auto angehalten, zahlt man eine Strafe.

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24.07.2018, Tag 31, Xiva, Usbekistan;
Sandsturm am Höllentor

Wir erwachen nicht, wir stehen bei Sonnenaufgang auf. Denn nach einem nächtlichen Sandsturm war an Schlaf nicht zu denken. Der Wind pfiff und heulte. Jeder lag in einem Einmannzelt, die wie Segel im Wind standen und flatterten. Auch wenn alles geschlossen war, war letztlich doch alles staubig und versandet. Wir sind am Hells Gate. Hierher sind wir nach der Ashgabat Besichtigung gestern noch gerumpelt. Mit drei geländegängigen Toyota Jeeps. Die braucht man auch, wenn man in Turkmenistan auf der Autobahn fährt. Katastrophalere Straßenzustände habe ich noch nicht gesehen. Eine geschotterte Gravel Road ist immer noch halbwegs glatt und liesse sich durchaus mit mehr als 50 km/h befahren. Die gibt es hier aber nicht. Statt dessen eine zu Sowjetzeiten asphaltierte Straße, die im Sommer bei über 50° C vor sich hin schmilzt und im Winter auch mal Frost aushalten muss. Tiefe Spurrinnen, Schlaglöcher, komplett fehlender Straßenbelag wechseln sich ab. Das ist lebensgefährlich, das geht gar nicht. Aber nach dem Ausbau der weißen Hauptstadt war wohl kein Geld für Infrastruktur im restliche Lande mehr vorhanden. Vielleicht hat das Ganze aber auch ein ganz anderes System. Benötigt jemand, der seine Bevölkerung von der Bildung abschneidet, überhaupt eine Infrastruktur?

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Hells Gate, das Höllentor ist ein ca. 30 Meter tiefes Erdloch mit ca. 80 Meter Durchmesser und mit senkrechten Wänden. Am Boden lodern viele kleinen Feuer. Das ist eine der Hauptattraktionen des Landes und die hat man einer Fehleinschätzung eines russischen Geologen zu verdanken. Nach dem Zusammenbruch eines Bohrturmes wurde übelriechendes Metangas frei, welches man kurz und schmerzlos abfackeln wollte. Nach 14 Tagen wäre alles vorbei. Nun brennt das austretende Gas seit vierzig Jahren.  Bei über 40° Grad Außentemperatur ist es schön zu spüren, dass es auch noch heißer geht. Unweit des Höllentores liegt unser Camp. Eine Jurte und 15 Einmannzelte. Dazu ein Herzchenhäuschen als Toilette. Strom und Wasser Fehlanzeige. Unter dem Sternenhimmel hatten wir einen schönen Abend und im Hintergrund leuchtete der rote Höllenspalt. Lagerfeuerromantik mal ganz anders. Bis der Sandsturm kam.

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Kurzes Wüstenfrühstück, zeitiges Aufstehen sichert angenehme Temperaturen. Bevor die Sonne höher steigt, fahren wir nach Kunya-Urgench. Hier stehen uralte und teilweise gut erhaltene Ruinen dieser uralten Stadt. Auch das höchste Minarett Zentralasiens. Es ist 62 Meter hoch, hat am Fuß einen Durchmesser von 11 Metern und an der Spitze immer noch 4 Meter. Hier hören wir das erste Mal, dass der ursprüngliche Sinn des Bauwerks der eines Leuchtturms war. Es diente den zahlreich anreisenden Karawanen zur Orientierung. In der Nacht, oder eben bei Sandsturm. Erst als die Araber einfielen, wurden die Leuchttürme umgewidmet und ein Muezzin darauf gestellt.

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Wir fahren noch zur Grenze und erleben wieder einen archaischen Grenzübertritt. Ein Kilometer vor der Grenze kommt ein straßensperrendes Metalltor, da läuft man mit seinem Gepäck los. Das Regime aus Turkmenistan gibt nochmal alles, Rucksäcke müssen ausgepackt werden, Bücher werden kontrolliert, das alte Spiel. Als gelernte DDR-Bürger lässt uns das kalt. Irgendwann wandern wir bei über vierzig Grad weiter. Der nächste Kilometer zur nächsten Grenzstation. Dahinter liegt Usbekistan. Mit diversen Taxen erreichen wir um Mitternacht Xiva.

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