Türkei; 07.-09.07.2018

07.07.2018, Tag 14, Istanbul, Türkei; Tageskilometer: 307, Gesamt: 3.503
Beim großen Führer

Am frühen Nachmittag kämpfen wir uns durch den Stau ins Zentrum von Istanbul. Es ist überraschend, welch sauberen und aufgeräumten Eindruck die Stadt macht. In den letzten Jahren sind unzählige neue und hochmodern aussehende Gebäude entstanden. Die Grünanlagen sind gepflegt und selbst auf Mittelstreifen der Autobahnen oder Schallschutzwänden grünt und blüht es. Und an allen möglichen Stellen hängen Fotos vom großen Führer. Vielleicht sind es auch noch Spuren der Präsidentenwahl vom 24. Juni? Wahlkampf kann es jedenfalls nicht gewesen sein, dann außer dem großen Führer wirbt kein Kandidat.

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Wir beziehen das unscheinbare Metropolis-Hostel, Aykut hat uns ein 6er Zimmer mit Doppelstockbetten organisiert. Kaum haben wir das Rooftop erkundet, können wir uns kaum noch trennen. Gigantischer Ausblick auf den Bosporus. Whalewatching war inclusive, denn Delfine sprangen um die Wette und jagten die zu dieser Zeit durch die Meerenge ziehenden Fischschwärme. Letztlich müssen wir uns beeilen, um den englischen WM-Auftritt nicht zu verpassen. Wir freuen uns, dass sie endlich wieder einen Torhüter haben und können ahnen, wie nach dem Spiel in Londoner Pubs der Punk abgeht. Football is coming home.

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Wir treffen Aykut in einem feinen Restaurant mit türkischen Speisen. Zunächst gibt es Meze, eine Zusammenstellung von ca. zwanzig unterschiedlichsten einheimischen Vorspeisen. Eine ist exotischer als die andere und auch kulinarisch merken wir, das wir Europa verlassen. Hauptgang ist eine Platte mit gebratenen Fischfilets und in Weinblättern eingewickelte Sardinen. Kleine Quarkbällchen mit Eis reichten uns noch nicht als Nachtisch. Für eine am Nachbartisch feiernde Geburtstagsgesellschaft einer nun Dreißigjährigen nahmen wir Aufstellung und gaben wir zwei Ständchen unseres seit Tagen geprobten und damit absolut textsicheren Liedguts zum besten. Somit verdienten wir uns jeder noch ein Stück Geburtstagstorte.

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Von unserem Gastgeber erhielten wir tiefe Einblicke in den Alltag der Einheimischen und in die aktuelle Entwicklung ihrer Gesellschaft innerhalb der letzten Jahre. Einige Details kannten wir schon, da sie auch in den deutschen Medien thematisiert wurden. Doch verbunden mit Aykuts Erzählungen zeichnet sich ein erschreckendes Gesamtbild mit gefährlichen Tendenzen ab. In den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts lief das in Deutschland genauso ab. Wiederholt sich die Geschichte? Wieder einmal verspüren wir, welch hohes Gut Meinungs-, Reise- und Glaubensfreiheit sind und wie existenziell die Demokratie ist. Das äußere Bild Istanbuls hat in den letzten Jahren zweifelsfrei dazugewonnen, die türkische Gesellschaft hat ganz viel verloren. Aykuts Antwort auf die Frage, wo man in ein paar Jahren stehen wird, war sehr eindeutig. Entweder ist der große Führer Erdogan weg, oder wir.

08.07.2018, Tag 15, Ünye, Türkei; Tageskilometer: 827, Gesamt: 4.330
Die Minarettfabrik

Die Altstadt Istanbuls ist auf relativ steilen Hügeln erbaut worden. Haus an Haus, alles sehr eng und dazwischen blieben Wege frei, die mit Eselkarren bestimmt gut befahrbar waren. Für den heutigen Autoverkehr ist da eigentlich nichts ausgelegt und das größte Problem ist das Parken. Als wir gestern relativ kurz vorm Hostel und auch vor der Blauen Moschee waren, gab es einen „Otopark“, etwa so groß wie ein Kleinfeldfußballplatz. Leider war nichts mehr frei, gar nichts. Denn es gab auch keine Gassen mehr zwischen den abgestellten Fahrzeugen. Es gab wirklich nur noch Autos, soweit man schauen konnte. Die Jungs vom „Otopark“ meinten aber, das wäre kein Problem. Sie nahmen 20 Euro und unseren Autoschlüssel. Sie haben alle Schlüssel von allen Autos und wenn einer kommt, der ganz hinten steht und raus möchte, wird rangiert. Wie beim Zauberwürfel. Als wir nun am Sonntagmorgen kamen, musste nichts mehr rangiert werden. Unser Gerhard stand ganz hinten. Und wie von Zauberhand allein auf weiter Flur.

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Wir starteten zu einer unseren längsten Tagesetappen und nicht nur bei der Ausfahrt aus Istanbul staunten wir wieder über die rege Bautätigkeit. Auch viele neue Moscheen fallen ins Auge. Dabei wurde eine neue Geschäftsidee geboren. Eine Minarettfabrik. Die „just in time“ Minarette nach Kundenwunsch produziert. Auf der einen Seite wird Beton ohne Ende hineingegossen. Am Ende kommt eine ganz große Betonwurst heraus, die nur noch auf die gewünschte Länge zugeschnitten werden muss. Der Kindergarten „Kleine Muezzine“ bekommt zwei Meter, Kleingärtner fünf Meter, Vororte 10, Innenstätte 30 Meter und Grundstücke des großen Führers 100 Meter lange Stücken. Kurz bevor der Beton fest wird, wird schnell noch die Spitze geformt und ein Halbmond aufgesetzt. Dann wird je nach Bestellung grün oder weiß oder gerne auch mal Gold aufgebracht. Letztlich wird nochmal geschaut ob „one“ oder “double Prayer“ angekreuzt war, damit der Muezzin Platz hat. Der Plan der Fabrik war fix und fertig und wir waren gerade beim Thema Datenschutzgrundverordnung und wie wir damit umgehen, wenn Ungläubige ein Minarett bestellen. Da erreichten wir unseren Zeltplatz am Schwarzen Meer und mussten die Planung abbrechen.

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Aber Spaß beiseite. Was mir einfach nicht aus dem Kopf geht, ist die türkische ID-Card. Die entspricht unserem Personalausweis. Darin kann, wenn man möchte, sogar die Blutgruppe eingetragen werden. Das Feld der Religion ist allerdings ein Pflichtfeld. Da steht dann Moslem, oder eben nicht. Was bitte schön soll das denn?

09.07.2018, Tag 16, Batumii Georgien; Tageskilometer: 570, Gesamt: 4.900

Kleiner Grenzverkehr

Endlos cruisen wir eine Strandautobahn entlang, die dem kalifornischen Highway Number One in nichts nachsteht. Bei Trabzon biegen wir mal ab, Zeit für Ford Gerhards letzte Bergwertung. Etwa 40 Kilometer hinein ins Zigana-Gebirge, die Straße wird steiler, das Tal immer enger. In 1.700 Meter Höhe liegt das alte ehemalige griechisch-orthodoxe Kloster Sumela und wird von umliegenden Höhenzügen um ein mehrfaches überragt. Sofort sind wir diesem mystischen Ort und seiner besonderen Stimmung erlegen. Das Kloster wurde in byzantinischer Zeit in den Fels gebaut und zeugt von der langen Geschichte des griechisch-orthodoxen Glaubens in der heute türkischen Region. Eine alte Legende erzählt, dass die Ikone des Klosters einst vom Evangelisten Lukas gemalt und von Engeln in die Höhle getragen wurde, an deren Stelle daraufhin das Kloster auf den Schwarzen Berg gebaut wurde. Auch ein Splitter des Kreuzes, an dem Jesus gestorben ist, wurde hier gehütet. Mit dieser Reliquie wurde allmonatlich das Wasser aus dem heiligenden Brunnen geweiht, welches die Pilger gegen alle erdenklichen Leiden tranken.

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Bei subtropischen Temperaturen klettern wir eine drei Kilometer lange Abkürzung auf einen schmalen Pfad durch den Urwald bergauf. Nach dem morgendlichen Tyrannentraining eine kleine Herausforderung. Schweißnass angekommen erfahren wir, dass das Kloster wegen Rekonstruktion nicht betreten werden darf. Wir staunen über Unmengen schwarz und voll verschleierte Frauen, die mit ihren Paschas in Kleinbussen angekarrt werden. Man kann sie nur an Augen und Schuhen unterscheiden, ich finde das immer wieder beängstigend. Aber das Kloster Sumela ist eben nicht nur für Christen, sondern auch Moslems ein wichtiger Wallfahrtsort. Es ist der Mutter Jesu Christi geweiht. Für Moslems ist das die Mutter des Propheten Isa, deshalb nennen sie es auch „Meryem ana manastiri“ (Mutter-Maria-Kloster).

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Wir fahren weiter, kommen zur georgischen Grenze und fallen selbst als Atheisten vom Glauben ab. Nachdem man die Grenze erreicht hat muss man zunächst umdrehen und der Schlange anstehender Fahrzeuge entgegen fahren. Hat man deren Ende erreicht, wendet man im Gegenverkehr, um sich anzustellen. Abenteuerlich. Positive Schätzungen belaufen sich auf drei Stunden Wartezeit. Daraufhin läuft die Autobesatzung los und durchschreitet die türkischen Kontrollen, einen endlosen blechüberdachten Gang und kommt an georgischen Paßkontrollen an. Kaum von denen abgefertigt, landet man im geschäftigem Treiben. Es ist Mitternacht und es wimmelt von Händlern, Taxifahrern und Maklern. Der von der Besatzung getrennte übrig gebliebene Kraftfahrer macht Smalltalk mit allen umstehenden Truckern, kommt aber einfach nicht voran, bis er irgendwann unter großem Jubel seine Kameraden erreicht.

Politisch diffundieren wir am Rande des europäischen Kontinents, geografisch sind wir längst darüber hinaus geschossen. Kulinarisch oder auch sanitärtechnisch erleben wir eine wilde Mischung, mancher liebt sie mancher hasst sie, mancher liegt daneben (Achtung Witz!)

Grenztechnisch erleben wir gerade die Reise ins Mittelalter. Genau in der Nacht tritt der englische Außenminister Boris Johnson zurück. Vertreter eines harten Brexit. Optisch mag ich den schon, um 15:00 Uhr sieht der im hochseriösen englischen Repräsentantenhaus immer so aus, als wäre er nach durchzechter Nacht gerade aus dem Proletarier Pub herausgefallen, wo er allein gegen alle seinen Standpunkt durchgeboxt hat… Aber Leute wie er sind es, die in der ersten Klasse von A nach B fliegen und in schwarzen Limousinen ohne jede weitere Kontrolle an allem vorbei geschleust werden. Genau denen wünsche ich mal einen Grenzübertritt wie den unseren, den wir hier durchstehen müssen. Dann wüssten diese Leute eine europäische Union mit visafreiem Grenzverkehr wohl sehr zu schätzen. Was für ein Trauerspiel. (Achtung, kein Witz!)

 

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